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Sprache - Unterdrückung - Tiere

Theoretische Annäherungen an abwertende Sprachgebräuche


Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung begann bereits in den frühen 60er Jahren des letzten Jahrhunderts damit, das, was wir heute als ‘Hate Speech’ kennen, zu kritisieren. Hate Speech, also die Redeart, die Menschen aufgrund ihrer (vermeintlichen) Herkunft, Sexualität oder Religion herabsetzt und zu Gewalttaten gegen diese aufruft, ist auch heute noch Thema zahlreicher Kontroversen und juristischer Bemühungen in den USA. Doch auch weniger offensichtliche Abwertung durch Sprache waren die BürgerrechtlerInnen in Bezug auf rassistischen Sprachgebrauch bemüht zu thematisieren.

Ähnlich die feministische Bewegung: Bereits in den 70er Jahren machte sie Frauen-abwertende Sprache erstmals in größerem Rahmen zum Thema. Kleine Erfolge können heute, trotz konservativer Gegenströmungen, verzeichnet werden: So ist in manchen sozialen Schichten die Schreibung des geschlechtsneutralen sog. ‘Binnen-I’ (z.B. ArbeiterInnen) schon recht weit verbreitet. Nicht zuletzt der deutsche Duden-Verlag, Herausgeber des bekanntesten ‘Wörterbuchs der deutschen Sprache’, bemüht sich geschlechtergerechte Sprache umzusetzen und bemerkt dazu: „Die Frage der Gleichstellung von Frauen und Männern in der Sprache oder - anders gesagt - der sprachlichen Gleichbehandlung von Frauen ist eines der wichtigsten Themen für alle, die sich in irgendeiner Weise mit Sprache auseinander setzen.“1

Die, im Vergleich dazu noch relativ junge, progressive Tierrechts/-befreiungsbewegung, die sich ja oft in der Tradition genannter sozialer Bewegungen2 sieht, hat bisher (von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen) fast nie den Sprachgebrauch in Zusammenhang mit der Unterdrückung und Ausbeutung von Tieren zum Thema gemacht. Warum ist das so?

Manch eineR wird sich dabei vielleicht denken „Der tägliche, millionenfache Mord an Tieren ist viel schlimmer als irgendwelche Feinheiten in der Sprache. Warum kümmern sich die Leute nicht um das wirklich Wichtige?“ oder „Die Tiere verstehen ja eh nicht, wie wir über sie reden...“.

Dies sind beides Argumente, die recht nahe liegend und auch nachvollziehbar sind. Und trotzdem will ich versuchen zu zeigen, warum meiner Meinung nach Sprache dennoch Thema progressiver Bewegungen sein soll, warum sie in anderen politischen Bereichen als so wichtig erachtet wird und was die Sprache bewegen kann.

Sprache und Realität

Für Menschen stellt die verbale Sprache eine der wichtigsten Medien im Umgang miteinander dar. Durch sie werden Gedanken, Emotionen und Meinungen vermittelt und ausgetauscht. Im Folgenden will ich drei Aspekte der Sprache beleuchten, die ihre Wichtigkeit verdeutlichen sollen:


• Bezeichnungen bzw. Benennungen, die durch die Sprache vorgenommen werden, sind ein Mittel, um unsere bis dahin ‘wirre’ Umgebung einzuteilen und uns damit eine Übersicht zu verschaffen. Bezeichnungen legen Klassifizierungen an, die wir benötigen, um die Vielfalt und Menge an Eindrücken, die wir erfahren, strukturieren, erfassen und verstehen zu können. Mittels dieser Klassifikationen werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten der bezeichneten Objekte (oder auch Subjekte) verdeutlicht.

So ermöglicht es uns die Sprache beispielsweise die 500 Dinge, die sich in einem Raum befinden, in sinnvolle Kategorien, wie Möbel, Nahrungsmittel, Kleidung etc. einzuteilen.


• Durch unsere Sprache bzw. Klassifizierungen vermitteln wir auch Wertvorstellungen. Es hat definitiv Bedeutung, ob ein Sitzgegenstand als Stuhl oder Thron bezeichnet wird.

Die in der Sprache enthaltene Wertung, lässt sich auch gut an folgendem fingierten Zeitungsartikel verdeutlichen: „Aufgrund überhöhter Geschwindigkeit und regennasser Fahrbahn kam gestern Abend der 39-jährige Bauarbeiter X aus Y auf der Strecke zwischen A und B von der Fahrbahn ab, stieß frontal gegen einen Baum und wurde dabei lebensgefährlich verletzt.“

Was ist uns in dem Zusammenhang mit dem erwähnten Unfall wichtig? Klarerweise interessiert uns das Schicksal des verunfallten Menschen viel mehr, als was mit seinem Auto passiert ist bzw. welche Schäden der Baum durch den Aufprall davon trägt. Das Wohlbefinden eines Menschen bewerten wir als viel wichtiger als Autos.

Unsere Sprache beinhaltet also unsere Wertvorstellungen, und ebenso transportiert sie die sozialen Ungleichheiten meist ungewollt mit. So haben wir immer wieder an der medialen Berichterstattung über sog. „Angriffe von Kampfhunden“ gesehen, dass eindeutig die Schicksale der betroffenen Menschen im Mittelpunkt standen, während die Schicksale der Hunde sehr oft unerwähnt blieben. Eine ganz klar unterschiedliche Bewertung von Menschen und Hunden wird schon in nur kurzen Artikeln mitgeliefert3.


• Mit unserer Sprache bilden wir unsere Sicht der Realität ab (inklusive unserer ganzen Wertvorstellungen) und schaffen zusätzlich auch Realität. Wir schaffen eine Handlungsbasis für uns selbst und andere Menschen: Als 1858 ein Gericht in den Südstaaten der USA beschlossen hat: „Der Sklave ist keine Person, sondern ein Ding“4, hat der Richter damit einerseits sicherlich seine Meinung kundgetan, andererseits hat er aber auch eine Anweisung gegeben, wie Menschen mit dunkler Hautfarbe (zu dieser Zeit, in dieser Region) zu behandeln sind. Natürlich ist ein Richter in seiner Position besonders mächtig und einflussreich. Doch auch wenn wir etwas aussagen, kommt dies einem solchen Urteil nahe. Und je mehr Menschen diese oder eine ähnliche Aussage treffen, desto ‘wahrer’ wird sie.

Sprache bildet also unsere Sicht der Realität ab und schafft zugleich auch Realität.

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